Seelische Erste Hilfe leisten – „Wir wünschen uns, dass wir auf eine Gesellschaft hinarbeiten, in der sich niemand mehr für psychische Krankheiten und Probleme schämen muss“

Während ein Erste-Hilfe-Kurs für körperliche Probleme und Verletzungen standardmäßig angeboten wird, beim Führerschein, auf der Arbeit und sogar in der Schule eine Rolle spielt und jeder mindestens einen hinter sich hat, sieht es im Bereich seelische Erkrankungen und Probleme eher mau aus.

Psychische Krankheiten und seelische Krisen sind stigmatisiert – und das, obwohl sie zunehmen und eine nennenswerte Rolle in unserer Gesellschaft spielen.

Dass wir dieses Thema nicht totschweigen dürfen und für Aufklärung sorgen müssen, weiß auch Tabea Schwirblat. Die Medizinstudentin ist in den letzten Zügen ihrer Ausbildung und plant, später im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie zu arbeiten.

Während sie unter der Woche studiert, widmet sie sich am Wochenende und abends ihrem Start-Up Seelische Erste Hilfe Leisten – ein Social Business, das es sich zum Ziel gemacht hat, Erste-Hilfe-Kurse für Jedermann und Jedefrau anzubieten – nur eben nicht für den Körper, sondern für den Kopf.

Tabea und ihre fünf Mitarbeitenden kommen aus den Bereichen Psychologie, Sozialarbeit oder Medizin – gemeinsam verfolgen sie ein Ziel: für mehr Verständnis, Aufklärung, Toleranz sorgen und Menschen im Umgang mit Betroffenen psychischer Erkrankungen und Krisen sorgen, um fachgerecht zu helfen und das Stigma aufzubrechen.

„Kaum einer thematisiert, wie man mit Betroffenen umgehen sollte oder wie ein schwieriges Gespräch geführt wird. Ich glaube, dass Aufklärung da einen sehr großen Effekt haben könnte

Im Gespräch mit FEMOTION RADIO hat Tabea Schwirblat erzählt, warum ihr das Thema am Herzen liegt, wieso psychische Erkrankungen oft totgeschwiegen werden, wie die Erste-Hilfe-Kurse ablaufen und was sie sich für die Zukunft wünscht.

Und so klang das Gespräch mit Tabea bei uns im Programm:

FEMOTION RADIO: Psychische Erkrankungen und seelische Krisen sind ein großes Thema – doch leider wird noch nicht genug darüber gesprochen – warum hast du dich entschieden, ein Start-Up in diesem Bereich zu gründen?

„Weil ich im Medizinstudium schon gemerkt habe, dass selbst dort wenig darüber gesprochen wird. Kaum einer thematisiert, wie man mit Betroffenen umgehen sollte oder wie ein schwieriges Gespräch geführt wird. Ich glaube, dass Aufklärung da einen sehr großen Effekt haben könnte. Ich habe mich mit Gesprächsführung lange auseinandergesetzt und habe im Peer-Teaching in meiner Universität gearbeitet, um Betroffenen besser helfen zu können. Gleichzeitig kenne ich aber auch die anderen Perspektive, da ich selbst Krisenerfahrung habe und weiß, wie Betroffene sich fühlen und möchte deswegen erreiche, dass andere Betroffene sich in Zukunft besser fühlen, weil sie vom Umfeld kompetenter behandelt werden.“

„Die Betroffenen können ihre Symptome oft nicht einordnen und wissen oft gar nicht, dass diese behandelbar sind“

FEMOTION RADIO: Das Konzept des Erste-Hilfe-Kurses zur Prävention ist nichts Neues – im Bereich der seelischen Probleme aber schon – wie funktioniert euer Kurskonzept?

„Für psychische Notfälle gibt es solche Erste-Hilfe-Kurse kaum, wobei die Bedeutung von psychischen Erkrankungen ähnlich groß ist wie die Bedeutung körperlicher Erkrankungen, zum Beispiel beim Thema Suizide und Suizidalität. Wir möchten uns dementsprechend an das Umfeld der Betroffenen wenden, damit dieses kompetenter wird und die Betroffenen adäquat and das professionelle Hilfesystem weiterleiten kann. Was wir nicht machen, ist Pseudopsycholog:innen ausbilden, wir möchten lediglich die Lücke schließen zwischen leidenden Betroffenen und dem professionellen Hilfesystem. Die Betroffenen können ihre Symptome oft nicht einordnen und wissen oft gar nicht, dass diese behandelbar sind.“

„Ein großer Faktor ist, dass psychische Erkrankungen meistens unsichtbar sind“

FEMOTION RADIO: Während Erste-Hilfe-Kurse für körperliche Gesundheit in aller Munde sind, wird über psychische Gesundheit nur wenig gesprochen, woran liegt das?

„Ich denke ein großer Faktor ist, dass psychische Erkrankungen meistens unsichtbar sind. Körperliche Erkrankungen können wir einfach oft einfacher begreifen: wenn jemand sich ein Bein bricht oder irgendwo ein Pflaster kleben hat, dann können wir uns vorstellen, dass dieser Person etwas passiert ist und die Verletzung ausheilen muss. Bei psychischen Erkrankungen passiert das Ganze im Kopf, zum Beispiel durch Veränderung von Botenstoffen im Gehirn oder durch Einwirkungen des Umfelds auf das Individuum. Dass man die Erkrankung nicht sehen kann, erschwert natürlich das Verständnis dafür, denn auch wenn man das Problem nicht sehen kann, beeinflusst es zum Teil das Verhalten der Betroffenen.“

FEMOTION RADIO: Gerade im letzten Jahr hat auch häusliche Gewalt zugenommen und sorgt gerade bei Frauen oft für eine große seelische Belastung – auch zu diesem Thema bietet ihr einen Erste-Hilfe-Kurs an, wie geht ihr das Thema an?

„Wir informieren zunächst mal über Fakten, zum Beispiel darüber, dass 82% der Betroffenen von häuslicher Gewalt Frauen sind, beziehungsweise Menschen, die sich als Frauen identifizieren. Wir informieren auch ganz konkret über die Hintergründe und typische Verhaltensweise von Betroffenen oder über die Gewaltspirale. Im nächsten Schritt geht es dann um Kompetenzvermittlung, also um die Frage, mit welcher inneren Haltung man eine vermutlich betroffene Freundin ansprechen könnte. Es geht auch um die Fragen, was genau man sagen kann, was man besser vermeiden sollte, bis wohin man ein Gespräch führen soll und wann man auch einfach mal eine Grenze ziehen sollte und die Verantwortung über die Entscheidungen bei der Betroffenen selbst lassen muss.“

„Das Wissen, das wir vermitteln, hilft nicht nur in Situationen, in welchen wir Erste Hilfe leisten müssen“

FEMOTION RADIO: Auch wenn ihr noch am Anfang steht, ist die Rückmeldung zu euren abgehaltenen Kursen sehr positiv – was wünscht ihr euch als Team für die Zukunft?

„Wir wünschen uns, dass wir auf eine Gesellschaft hinarbeiten, in der sich niemand mehr für psychische Krankheiten und Probleme schämen muss und wir alle ein Stückchen kompetenter damit umgehen. Das Wissen, das wir vermitteln, hilft nicht nur in Situationen, in welchen wir Erste Hilfe leisten müssen – es hilft auch uns selbst, indem wir zum Beispiel verstehen, wie uns unser Stress beeinfluss, was Symptome psychischer Erkrankungen sind und wann auch wir selbst uns Hilfe suchen sollten.“

Tabea und ihr Team planen derzeit noch zwei weitere Kurse, es soll um den richtigen Umgang mit Suizidalität gehen und um das wichtige Thema des Eigenschutzes. Ein weiteres Ziel des Start-Ups ist, dass die Kurse standardmäßig angeboten werden, zum Beispiel in Unternehmen, um psychische Gesundheit am Arbeitsplatz zu thematisieren.

Wir wünschen euch viel Erfolg dabei, euer Programm weiter auszubauen und eure Ziele zu erreichen, vielen Dank, Tabea!

Weitere Infos zum Team, der Mission und den spezifischen Kursen findet ihr hier.

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