"Die blauen Flecke überschminkte ich" - Mathildas Leben mit Häuslicher Gewalt

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Mathilda ist eine von drei Frauen, die im Laufe ihres Lebens häusliche Gewalt erlebt hat – durch ihren langjährigen Lebensgefährten und Vater ihrer Söhne.

Im Gespräch mit FEMOTION RADIO spricht Mathilda ganz offen über ihre Gewalterfahrung, gibt Einblicke in ihre Gedankenwelt und zeigt, dass hinter verschlossenen Türen oft ganz komplexe Geschichten warten, die sich nicht mit einem „Na dann trenn dich doch einfach“ wegwischen lassen.  

 Wir haben Mathilda in einem geschützten Raum getroffen und ihr all die Fragen gestellt, die sich auftun, wenn die Rede von häuslicher Gewalt ist. Zum Schutz ihrer Persönlichkeit haben wir ihren Namen geändert.

„Das Blatt wendete sich, als ich ungeplant schwanger wurde.“

FEMOTION RADIO: Wie hast du den Mann kennengelernt und hast du da schon gemerkt, dass er „anders“ ist?

Es war ein schleichender Prozess. Knappe 13 Jahre lebte ich mit einem Mann zusammen, von dem ich von Anfang an wusste, dass er im sozialen Umfeld immer mal wieder Schwierigkeiten hatte. Anfangs kannten wir uns nur flüchtig, da ich mit einem Bekannten von ihm zusammen war. Später als wir uns persönlich kennenlernten, hatte ich die rosarote Brille an. Er erzählt mir von Anfang an ganz offen von Gewalterfahrungen in seiner Kindheit, die unter anderem auch von ihm ausgingen. In diesem Moment fühlte ich mich für ihn verantwortlich, wollte ihm helfen und ihn wieder auf richtige Bahnen lenken – und zum Teil gelang mir das auch. Im Laufe der Beziehung kam es immer wieder zu Aggressionen und spontanen Wutausbrüchen seinerseits – ich hab das aber so hingenommen und ihn so akzeptiert wie er eben ist. Das Blatt wendete sich erst, als ich ungeplant schwanger wurde. Unser Sohn bekam selbstverständlich viel Aufmerksamkeit von mir und mein Partner entwickelte eine starke Eifersucht, weil er nicht mehr im Mittelpunkt stand. Das ließ er mich immer wieder spüren. Im Alltag unterstützte er mich immer weniger, wurde gleichgültiger und schaute nur noch nach seinen eigenen Bedürfnissen. Er lies seine Wut auch immer wieder an unserem Sohn aus, schrie ihn an und zerstöre mutwillig seine Spielzeuge. Ich suchte immer wieder das Gespräch und er versprach mir auch, dass er sich ändern würde. Nach der Geburt unseres zweiten Sohnes besserte es sich tatsächlich, aber leider nie langfristig.

„Als ich die Trennung klar aussprach, redete er mir ein, dass ich meine Einstellung überdenken müsse.“

2017 habe ich das erste Mal versucht, mich zu trennen, weil ich gemerkt habe, dass ich mich einfach nicht mehr wohlfühle und wie sehr ich mich auch selbst negativ veränderte. Es gab zwischen uns keine Gespräche mehr auf Augenhöhe und auch kein Verständnis mehr. Schon damals beim ersten Trennungsversuch zeichnete sich das Ausuferungspotenzial ab, er begann mich zu kontrollieren und zu verfolgen, er redete im gesamten Freundeskreis und bei den Kindern schlecht über mich und drohte sogar damit, sie mir im Falle einer Trennung wegzunehmen. Aus Angst blieb ich bei ihm und verdrängte alles. Von diesem Moment an habe ich versucht, jeder Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen und „alles richtig zu machen“. Aber auch diesmal hielt es nicht lange an. 2021 war ich wieder an einem Punkt, an dem meine Kräfte immer weniger wurden. Auch unsere Kinder litten unter der Situation und niemand traute sich mehr, die Probleme offen anzusprechen. Er war sich keiner Schuld bewusst – solange alles nach seinem Kopf ging, war die Welt nach außen hin völlig in Ordnung.  Als ich die Trennung klar aussprach, redete er mir ein, dass ich meine Einstellung überdenken müsse und ich an allem schuld sei. Als er merkte, dass ich es mit der Trennung wirklich ernst meinte, ging es damals richtig los. Er kontrollierte mein Handy, trackte meine Standorte, sperrte mich ein und bedrohte mich. Als er merkte, dass ich mich nicht mehr einschüchtern ließ, kam die körperliche Komponente hinzu. Die Übergriffe fanden täglich statt. Aus Angst, dass mir sowieso niemand glauben würde, lies ich damals die Diktierfunktion meines Handys mitlaufen und dokumentierte meine blauen Flecke mit Fotos.

FEMOTION RADIO: Wie hast du es vor deinem sozialen Umfeld geheim gehalten?

Meine Freunde und meine Familie merkten von Anfang an, dass in unserer Beziehung etwas nicht stimmt und sie sehr unausgewogen ist. Die blauen Flecke überschminkte ich damals professionell. Ich wollte nicht, dass jemand etwas erfährt und über uns geredet wird. Es war mir einfach peinlich, dass gerade mir sowas passiert, da ich beruflich wie privat immer als zielstrebig und selbstbewusst galt – es durfte also auf keinen Fall an die Öffentlichkeit gelangen.

„Ich befand mich damals gefangen im goldenen Käfig – nach außen schien immer alles perfekt.“

FEMOTION RADIO: Vorab – wir wissen, dass diese Frage nicht einfach zu beantworten ist, und dennoch kommt sie in Diskussionen immer wieder auf – deshalb möchten wir sie dir ganz offen stellen - Warum hast du dich nicht früher getrennt?

Ich hatte immer wieder Hoffnungen, dass sich alles zum Guten wendet. Ich sehnte mich so sehr nach einer intakten Familie. Im Freundeskreis folgte damals eine Trennung nach der anderen und ich war anfangs sogar stolz, nicht dieses Schicksal zu tragen. Später war es die Angst – er schien unberechenbar, sprach Morddrohungen aus und redete mir immer wieder ein, dass mir sowieso niemand glauben würde und streute viele Unwahrheiten über mich. Auch meine finanzielle Lage lies keine Hoffnung zu, ich befand mich damals gefangen im goldenen Käfig – nach außen schien immer alles perfekt. Mir fehlte die Kraft, die ich schon jeden Tag aufwenden musste, um unser perfektes Familienleben aufrecht zu erhalten.

FEMOTION RADIO: Wer hat dir damals geholfen, aus der Situation auszubrechen?

Den toxischen Kreislauf unserer Beziehung erkannte ich erst spät mithilfe von einer engen Freundin und meinem heutigen Lebensgefährten. Bis zuletzt wollte ich keine Hilfe annehmen, weil ich dachte, dass ich es auch ohne Polizei und Co schaffe, ich wollte das Feld eigentlich unsichtbar räumen, weil es mir so peinlich war. Aber die täglichen Übergriffe verstärkten sich immer mehr und als ich eines Tages vor ihm aus der Wohnung flüchten musste, riefen meine Eltern die Polizei. Er wurde der Wohnung verwiesen und mir wurde ein Gewaltschutzantrag nahegelegt. Von dort an nahm alles seinen Lauf. Ich suchte mir eine Anwältin für Familienrecht, das Jugendamt wurde hinzugezogen  und Interventionsstellen und die Opferhilfe standen mir beratend zur Seite.

Trotz allem entspannte sich die Situation mit meinem Auszug nicht. Es folgen weiterhin Übergriffe bei den Kinderübergaben, er verfolgte mich, drängte mich von der Straße ab, zerstach meine Autoreifen und zeigte mich wegen Kindeswohl-Gefährdung an.

Es folgen etliche Termine beim Familiengericht, mir wurden Beratungsstellen und eine Familientherapie empfohlen. Die ganze Zeit war extrem belastend. Bei der Polizei galt ich als Hochrisikofall und es gab eine Fallkonferenz mit allen Beteiligten. Da fühlte ich mich zum ersten Mal ernstgenommen und beschützt. Mein Ex-Partner kam sogar in U-Haft und unsere Familie hatte erstmalig die Chance, etwas durchzuatmen. Mein Ex-Partner wurde damals wegen Körperverletzung und massiven Stalkings zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und erhielt ein zweijähriges Kontakt- und Näherungsverbot mir gegenüber.

„Es findet immer wieder eine Täter-Opfer-Umkehr statt.“

FEMOTION RADIO: Wie beeinflusst die Gewalterfahrung dein Leben heute?

Positiv wie auch negativ. Zum einen bin ich sehr misstrauisch gegenüber Personen geworden und hinterfrage Aussagen immer wieder. Mir fällt es heute schwer, zwischenmenschlich Vertrauen aufzubauen.

An meiner Seite stehen heute nur noch wenige, aber dafür ehrliche und verlässliche Menschen, die meine Geschichte kennen und den Weg, den ich gehen musste, akzeptieren. Später habe ich auch erfahren, dass man mit so einer Lebensgeschichte bei allen beteiligten Institutionen zusätzliche Hürden überwinden muss. Es herrscht immer noch eine starke Ungerechtigkeit und ein frauenfeindliches Bild in unserer Gesellschaft. Mütter werden von den Ex-Partnern und Vätern der gemeinsamen Kinder vor den Gerichten denunziert. Wie oft musste ich mich für die Trennung rechtfertigen, obwohl die Gründe auf der Hand lagen und beweisbar waren. Im Familiengericht steht der gewalttätige Vater der „bindungsintoleranten“ Mutter gegenüber. Dass niemand das Recht hat, eine andere Person psychisch und physisch zu verletzen, wird meistens außer Acht gelassen. Im Prozess spielt man als bindungsintolerante Mutter eine größere Rolle, dabei handelt es sich dabei doch nur um einen Schutzmechanismus des Körpers auf die unkontrollierten Impulse. Es findet immer wieder eine Täter-Opfer-Umkehr statt.

Sogar von den Familienberatungsstellen wurden unsere Probleme nicht ernst genommen. Trotz des Kontakt- und Näherungsverbotes sollte ich meinen Anteil an der Trennung akzeptieren und gemeinsam mit meinem Ex-Partner eine Vertrauensbasis im Elterndasein schaffen, da spiele auch die Gewalt keine Rolle. Dass mein Ex-Partner diese Termine für weitere Bedrohungen nutzte, wurde einfach ignoriert.

Ich habe durch die Erfahrungen aber auch gelernt, welche positive Energie in mir steckt und wie mich die Ereignisse emotional und mental gestärkt haben. Es hat mir damals den Boden unter den Füßen weggerissen, meine Welt lag in Trümmern. Ich musste damals komplett neu anfangen und mich neu definieren. Heute bin ich stolz drauf, dass ich trotz der riesengroßen Ungewissheit meine Angst besiegt habe und den Kampf nicht aufgebe. Ich habe dadurch gelernt, auf mein Bauchgefühl zu hören und erkenne die typischen „Red Flags“ direkt. Auch den Mut für eine neue Beziehung habe ich aufgebracht und erfahre wieder viele Momente der Glückseligkeit.

Wir danken Mathilda für ihre Offenheit und den Mut, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Solltet ihr selbst Erfahrungen mit häuslicher Gewalt oder den Verdacht haben, dass jemandem in eurem Umfeld betroffen ist, erreicht ihr das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ rund um die Uhr kostenfrei über folgende Nummer: 116 016.